Aufräumen mit Mythen und Erzählungs-Cocktails am Internationalen Tag gegen Prostitution am 05.10.2026
In Krisenzeiten und spürbaren, aber noch nicht absehbaren Gesellschaftsumbrüchen wie der Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz haben Erzählungen Konjunktur, die von Ängsten und Unberechenbarkeiten ablenken und entlasten. Manche Erzählungen würden so unter ähnlichen Schlagworten wie „Das war schon immer so!“ oder „Früher war alles besser!“ zu wirkmächtigen Mythen zusammengezimmert, ist der Landesfrauenrat Baden-Württemberg (LFR BW) überzeugt. Auch hinsichtlich des Zustands der Prostitution in Deutschland würden Erzählungen zu Cocktails gemischt, die verklären und gerade nicht aufklären und damit Chancen auf Besserung vernichten.
„Mythen suggerieren in ihrer Konzeption und angeblichen Tradition gesellschaftlichen Zusammenhalt, verhindern aber den unverstellten und dringend notwendigen Blick auf die Realität, somit auch auf vorhandene Gewalt und Not“, bemängelt Verena Hahn, Zweite Vorsitzende des LFR BW.
Die Realität in der Prostitution seien aber gerade auch Gewalt, sexueller Missbrauch und massive körperliche und psychische Folgen bei den Prostituierten und Aussteigerinnen, dies werde gern ausgeblendet oder beispielsweise durch Ausreden wie „Prostitution gab es schon immer“ als normal verharmlost. Hier müsste ein Umdenken ansetzen, ist Hahn überzeugt: Ein angemessenes Bewusstsein für die Gewalt in der Prostitution in Deutschland, ohne Verklärung oder Ausreden sowie ohne Normalisierung oder gar die verbreitete herunterspielende Individualisierung der Missstände. Mythen seien auch deshalb so wirkmächtig, weil sie vorgeben, sozialen Zusammenhalt zu sichern, dabei stabilisierten sie im Fall der Prostitution vorhandene Machtstrukturen, ohne diese mit Blick auf die vulnerablen Frauen und unser Verständnis von Selbstbestimmung und Gleichstellung von Frauen und Männern in unserem Sozialstaat zu hinterfragen.
Der LFR BW mit seinen 50 Mitgliedsverbänden und über zwei Millionen engagierten Frauen setzt sich seit 2013 für eine Gesellschaft ohne Prostitution ein und ist seit 2021 Mitglied des Bundesverbands Nordisches Modell. Er verweist auf neuere Studien aus den letzten Jahren, die die rechtliche Seite fundiert analysierten (z.B. Mack, Rommelfanger, „Sexkauf – eine rechtliche und rechtsethische Untersuchung der Prostitution“, 2023; Jakob Drobnik, „Nordisches Modell und Menschenhandel“, 2025), und auf die fundierte Kritik an der im Juni 2025 vorgelegten und vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend beauftragten Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes.