Geschichte des Landesfrauenrats Baden-Württemberg

Text veröffentlicht in: Die Zeichen stehen auf ‘START’ … Frauen schreiben Geschichte. 60 Jahre frauenpolitischer Aufbruch in Baden-Württemberg – Rück- und Ausblicke.
Herausgegeben vom Landfrauenrat Baden-Württemberg – mit freundlicher Unterstützung des Landesregierung Baden-Württemberg, Stuttgart Juli 2012. Verfasserin und Copyright: Landesfrauenrat Baden-Württemberg 2012

Der Gründungsfunken

Der Gründungsfunken

Landtagswahl 1968: Nur eine einzige Frau zog in den Landtag ein. Dies bildete den „Gründungsfunken“ für die damaligen Frauenverbände, mit einem Landesfrauenrat den Frauen in Baden-Württemberg ab 1969 eine politische und außerparlamentarische Stimme zu geben. Einige Aktivistinnen hatten die Gründung eines Dachverbands der Frauenverbände schon früher „angedacht“, 1955/1956 etwa. Die Jahreszahl 1968 wurde zum Synonym für politische Aufbruchstimmung in vielen gesellschaftlichen Bereichen; sie markiert auch den politisch-gesellschaftlichen Aufbruch der Frauen. Dieser fand seinen Niederschlag in der sogenannten neuen Frauenbewegung, aber auch in Verbänden, deren Gründung noch in die Zeit der alten Frauenbewegung fiel.

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70er Jahre: Frauenpolitik = Familienpolitik?

Frauenpolitik galt in den 70er Jahren und weit darüber hinaus – auch im Verständnis vieler Frauen – als identisch mit Familienpolitik, wurde doch die Frau primär von ihrer möglichen Mutterschaft und einer tradierten Familienrolle her gedacht. Familienpolitik war seit jeher politisch und zudem ideologisch hoch aufgeladen; im Kern ging es neben der Bevölkerungspolitik auch um die Arbeits- und Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern, ganz real im alltäglichen Leben von Frauen und Männern.
1978 beschäftigte sich der LFR mit „Familie in der Krise – Möglichkeiten ihrer Überwindung“ und kam u. a. zu folgendem Ergebnis:
„Immer mehr Frauen verweigern Eheschließung und Kindererziehung, weil sie sich der dreifachen Belastung als Hausfrau, Mutter und Berufstätige nicht gewachsen fühlen. Nur wenn Mann und Frau sich partnerschaftlich die Familienaufgaben teilen, werden junge Frauen wieder eher bereit sein, Kinder aufzuziehen.“
Vor allem sozialpolitische Themen sind bestimmend im ersten Jahrzehnt des Landesfrauenrats, Themen von Tagungen lauteten beispielsweise:

  • „Ausländische Arbeitnehmerinnen bei uns“ (1972)
  • „Vorsorge und Lebenserwartung“ (1973)
  • „Lehrlinge heute“ (1974)
  • „Rentenrecht und Rentenreform“ (1975)
  • „Probleme des Strafvollzugs“ (1976)
  • „Recht und Verantwortung von Eltern und Kindern“ (1978)
  • „Der Einfluss der Arbeitswelt von Vater und Mutter auf die Familie“ (1979)
  • Aber auch der „Umweltschutz“ (1972) und „Die Frau in der Werbung“ (1977) beschäftigten die Verbände.
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80-er Jahre: Frauenpolitik braucht institutionalisierte Strukturen -neue Themen

In den 80-er Jahren findet in Baden-Württemberg Frauenpolitik den Weg in die Institutionen

- 1980: Einrichtung des Referats „Angelegenheiten der Frau in Familie, Beruf und Gesellschaft – Frauenreferat“ im Ministerium für Arbeit, Gesundheit, Familie und Sozialordnung sowie Berufung des Beirats für Frauenfragen als Beratungsgremium für die Landesregierung (in dem der LFR mitwirkt).

Was soll Frauenpolitik auf Landesebene leisten?

 Der Landesfrauenrat formuliert Forderungen zur institutionellen Verankerung von Frauenpolitik. 1980 fordert er eine Frauenbeauftragte in der Landesregierung mit Vortragsrecht im Kabinett und einer Personal- und Sachkostenausstattung sowie einem Ansprechpartner in jedem Ministerium. Sie soll Ansprechpartnerin für den LFR, die Frauenverbände und Anlaufstelle für alle Bürgerinnen sein.

 Aufschluss über das Verständnis der Frauenverbände von Frauenpolitik geben die der Frauenbeauftragten zugedachten Themenfelder, die von Verbandsvertreterinnen in Arbeitskreisen des LFR detailliert formuliert wurden. Initiativ und koordinierend tätig werden und auf Bewusstseinsveränderungen hinwirken soll die Landes-Frauenbeauftragte:

Bei Ausbildung und Weiterbildung, u.a. für

-     Verbesserung der Berufsberatung insb. für Ausländerinnen,

-     Erweiterung des Berufswahlspektrums für Mädchen in gewerblich-technische Berufe. Hierzu nahm der LFR ab 1981 mehrfach Stellung und initiierte Kampagnen.

Im Arbeitsleben, u.a. für:

-     gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit,

-     Wiedereingliederung von Frauen in den Beruf,

-     höheren Frauenanteil in Führungspositionen,

-     Förderung der Teilzeitarbeit.

Im Politikbereich Ehe und Familie, u.a. für:

 -     eine Verbesserung der Wohnungssituation und  der Gesundheitsvorsorge,

 -     Hilfe in Konfliktsituationen, z.B. durch Frauenhäuser und durch mehr eigenständige soziale Sicherung.

1985 erfolgt die Umwandlung des Frauenreferates im Sozialministerium in die „Leitstelle für Frauenfragen“ als zentrale Koordinierungsstelle für Frauenfragen mit erweiterten Kompetenzen. Auf eine Frauenbeauftragte der Landesregierung mit Kabinettsrang mussten die Frauen im Land noch bis nach der Landtagswahl 1996 warten – bis zur Einsetzung von Johanna Lichy MdL als Staatssekretärin im Arbeits- und Sozialministerium und zugleich Frauenbeauftragte des Landes.

Enttäuscht bemängeln die Vorsitzenden der LFR-Mitgliedsverbände zum Schwerpunktprogramm der Landesregierung „Frauen in Baden-Württemberg“ (1986) das Fehlen konkreter Vorschläge zur Frauenförderung. Sie kritisieren, dass „Familienaufgaben wiederum einseitig den Frauen angelastet werden“ und schlagen u.a. eine generelle Arbeitszeitverkürzung vor als ein „Mittel, es auch den Männern zu ermöglichen, sich der Familie und dem Haushalt zu widmen.“ (Stellungnahme, 15.04.1986).

Zum Entwurf der (1987 in Kraft getretenen) Leitlinien zur Förderung von Frauen im Dienst des Landes Baden-Württemberg“ stellt der LFR zum Thema Arbeitszeit und Führungspositionen fest:

„Nur wenn Teilzeitarbeitsplätze gleiche Aufstiegs- und Leitungsfunktion wie Vollzeitarbeitsplätze haben, werden in Zukunft auch Männer von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Dies erscheint uns zur Verwirklichung einer partnerschaftlichen Ehe und damit der Übernahme von Familienpflichten durch Männer dringend erforderlich.“ (LFR-Stellungnahme, 19.09.1986)

Stuttgarter Zeitung 22.09.1986 (Auszug)
Appelle allein reichen nicht. Immer mehr Frauen befürworten die Quotenregelung
Fellbach (lsw). Die ‚Quotenregelung‘ – die paritätische Besetzung von Kandidatenlisten für politische Wahlen – findet offenbar immer mehr Anhängerinnen. Auf einem Frauenkongress am Wochenende in Fellbach befürwortete die überwiegende Mehrheit der Teilnehmerinnen in der Diskussion die Quotierung. Zu der Tagung waren auf Einladung des Landesfrauenrates und der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg etwa 1500 Interessierte nach Fellbach gekommen – zumeist Angehörige der rund 50 vertretenen Frauenorganisationen. …“

Zum 40-jährigen Jubiläum des LFR (2009) legte Prof. Ute Gerhard in ihrer Festrede „Wozu Feminismus heute? Seine Wurzeln und unsere Flügel“ dar: In den 80-er Jahren deutete sich bundesweit die Verbreiterung feministischer Anliegen zunehmend auch in beachtlichen Institutionalisierungserfolgen an; dies gilt für Baden-Württemberg allerdings nur bedingt. Denn in puncto Institutionalisierte Strukturen für Chancengleichheitspolitik ist Baden-Württemberg Schlusslicht.

Neue Themenfelder im Fokus

Auf den Einfluss der autonomen Frauenbewegung führen Bea Dörr und Ulla Siebert in „Wer sich engagiert, verändert!“ (1996) die Bearbeitung der Themen Gewalt an Frauen,  Paragraph 218 StGB und nicht-sexistische Sprache zurück.

Gegen Gewalt an Frauen

galt besonderes Augenmerk der unmittelbaren Hilfe für die Opfer durch Frauenhäuser – mit einer bundeseinheitlich geregelten Finanzierung (die es bis heute nicht gibt), Notrufen, Kinderschutzzentren und für die Opfer kostenfreien Anwälten. Stets ging und geht es auch um Gewaltvermeidung und Ursachenbekämpfung. „Wir müssen auf eine Ächtung der Gewaltanwendung schlechthin hinwirken“ resümiert der AK „Gewalt gegen Frauen – Gewalt in der Familie“ 1985 und forderte dazu u.a.:-

-           die Anerkennung von Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand,

-          Gewaltprävention in den Schulen,

-          wirksamen Kinder- und Jugendschutz in den Medien, Verzicht auf sexistische Werbung u.a.m.

Der Paragraph 218 StGB war in den 70-er und in den 80-er Jahren ein auch im LFR umstrittenes – unter den Verbänden nicht konsensfähiges – Thema, „das wie kein anderes wegen unterschiedlicher Weltanschauungen  die Frauensolidarität auf eine harte Probe stellte“ (Dörr, Siebert) und zu dem lange Zeit ein Beschluss auf ‚Nicht-Befassung‘ galt.

Ende der 80-er Jahre ändert sich dies allmählich, ausgelöst u.a. durch den so genannten Memminger Prozess: Der Gynäkologe Dr. Horst Theissen sowie Hunderte seiner Patientinnen wurden wegen Abtreibungen ohne den vorgeschriebenen Instanzenweg angeklagt. Zeuginnen wurden öffentlich bloß gestellt. Auf Antrag der Frauenarbeit der evangelischen Landeskirche in Württemberg und der Frauengruppe der FDP beschloss die Delegiertenversammlung des LFR im November 1988, beim bayrischen Justizministerium gegen diese Behandlung zu protestieren.

Im April 1991 schließlich fand der LFR zu einer klaren Position:  er forderte die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs durch die Streichung des § 218.

Ein Aktionsprogramm für Frauen im ländlichen Raum

Die massiven Strukturveränderungen im ländlichen Raum in Baden-Württemberg hatten gravierende Auswirkungen auf die Lebenssituation der Frauen in den ländlichen Gebieten. Intensiv befasste sich 1988 ein Arbeitskreis des LFR mit deren Situation. Als vordringlich formulierte der AK die Sicherung und Schaffung von qualifizierten Arbeitsplätzen für Frauen, den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, die Erweiterung der ortsnahen institutionellen Kinderbetreuungsangebote (flexible Öffnungszeiten, Mittagstisch und Hausaufgabenbetreuung für Grundschulkinder), und den Ausbau der Hilfe für pflege – und hilfebedürftige Menschen (Kurzzeitpflegeplätze, Ausbau der ambulanten Hilfsangebote etc.).

Weitere Forderungen, wie jene nach Auf- und Ausbau von Kommunikations- und Begegnungsstätten in den Dörfern unter Nutzung der vorhandenen Bausubstanz zielten auf Unterstützung der Selbstorganisationsfähigkeit der Frauen. „Frauen entscheiden für Frauen: Es müssen in allen Gremien, in denen die Diskussionen und Entscheidungen für die Zukunftsplanung des ländlichen Raums laufen, Landfrauen vertreten sein, um ihre speziellen Probleme und Bedürfnisse einzubringen. Erst dadurch können Erfahrungen und Sachkenntnisse der Frauen fruchtbar werden.“ (Zitat Positionspapier)

Ein ‚klassisches‘ Thema, das auch in den 80-er Jahren intensiv bearbeitet wurde, war die eigenständige soziale Sicherung. Als konkrete Forderungen verabschiedet wurden die rentenrechtliche Anrechnung von drei Erziehungsjahren pro Kind (nach Durchschnittseinkommen aller Versicherten) und (ab 1986) die Forderung, dass Pflegezeiten für die pflegende Person rentenbegründend und rentensteigernd in  der gesetzlichen Rentenversicherung werden müssen.

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90-er Jahre: „Mit Macht in die Zukunft“

 
Ludwigsburger Kreiszeitung 12.10.1992 (Auszug):
Gleichstellung der Frau soll zum Staatsziel erhoben werden
Über 1000 Besucherinnen diskutierten ehrlich und selbstkritisch – Machtfrage offen gestellt
wid. (…) So ernst die Probleme faktischer und struktureller Ungleichheit zwischen den Geschlechtern sind, sie werden nicht mehr mit feministischer Verbissenheit diskutiert. Doch das ist nicht das einzig Neue: noch nie zuvor ist derart offen, ehrlich, unbefangen, aufmüpfig, aber auch selbstkritisch die Machtfrage gestellt und zum eigentlichen Kongreßthema erhoben worden.  (…)“

Anlässlich des 40-jährigen Landesjubiläums wurde der Frauenkongress „Mit Macht in die Zukunft“ im Oktober 1992 in Ludwigsburg ausgerichtet vom Landesfrauenrat, der Landeszentrale für politische Bildung und der Abteilung Frauen im Sozialministerium. Unter den Gästen war auch eine Delegation des neu gegründeten sächsischen Frauenforums.
Mit Macht die Zukunft gestalten, das ist nötig: Baden-Württemberg hält seine frauenpolitische Schlusslichtposition. In den 90-er Jahren steht intensive Lobby-Arbeit für verlässliche institutionelle Strukturen der Frauenpolitik in Kommunen und auf Landesebene im Mittelpunkt.
Bis heute aktuelle frauenpolitische Forderungen werden offensiver und eindeutig formuliert; sie werden zudem begleitet durch neue öffentlichkeitswirksame Kampagnen und Aktionen.
„Wir sind auf dem Laufenden und machen der Landesregierung Beine …“
So lautete das Motto für den Staffellauf, den der Landesfrauenrat im Juli 1995 als „lila Spur“ quer durch das Land von Waldshut-Tiengen bis Stuttgart für ein wirksames Gleichberechtigungsgesetz für Baden-Württemberg organisierte. Die Übergabe von 5000 Unterschriften und einem lila Kabinetts-Fahrrad im Haus des Landtags unterstrichen diese Forderung des LFR.
Zur institutionellen Verankerung und gesetzlichen Absicherung der Frauenpolitik auf Landesebene gehörten auch die Forderungen nach einem angemessen ausgestatteten Frauenministerium (1992) und – als strukturelle Rahmenbedingung für mehr politische Partizipation -  nach Frauenmindestquoten für Gremien und Institutionen des Landes (ab 1992) sowie einem neuen Landtagswahlrecht (ab 1993 – nach  der Landtagswahl 1992 – betrug der Frauenanteil magere 11 %!) Forderungen, die seitdem wiederholt vorgetragen werden mussten, ebenso wie die Forderung nach gesetzlicher Verankerung hauptamtlicher Frauenbeauftragter für die Kommunen (ab 1991).
Selbstverständlich setzte sich auch der Landesfrauenrat Baden-Württemberg 1994 aktiv für die Präzisierung des Gleichstellungauftrags im nun für ein vereinigtes Deutschland geltenden Grundgesetz ein:
„Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“

Impulse für neue Vernetzungsformen strahlten aus der Bürgerrechtsbewegung der früheren DDR ab, die Runden Tische.
Runder Tisch Gleichstellungspolitik
Auf Initiative und unter Leitung des Landesfrauenrats kamen am 24.10.1994 erstmalig Mitglieder der im Landtag vertretenen Fraktionen, Vertreterinnen der Frauenorganisationen der Parteien, der Landesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbeauftragter, der kommunalen Spitzenverbände, des Sozialministeriums und der Gewerkschaften zum Runden Tisch Gleichstellungspolitik zusammen. In einer abschließenden gemeinsamen Presseerklärung stellten sie fest, „dass eine Verwässerung oder gar ein Scheitern des Gesetzentwurfes zur Gleichstellungspolitik nicht hingenommen werden sollte. Folgende Eckpunkte (…) sind unverzichtbar: Das Gleichstellungsgesetz muss Frauenförderung in der öffentlichen Verwaltung auf allen Ebenen verbindlich garantieren. Eine Beschränkung auf die Landesebene schließt zwei Drittel der weiblichen Angestellten im öffentlichen Dienst aus; (…) Um seine Wirkung in der Fläche sicher zu stellen, müssen die kommunalen Frauenbeauftragten in der Gemeinde- und Landkreisordnung verankert werden.

Kommunalpolitik im Fokus
1994 und 1998: Landestreffen kommunalpolitisch aktiver Frauen – jeweils im Haus des Landtags.

Im Blickpunkt: Jung- und Erstwählerinnen
8. März 1996: Wählerisch?! Aktionstag zur Landtagswahl 1996: Erst- und Jungwählerinnen, Haus des Landtags Stuttgart
Die Wahlbeteiligung der Erst- und Jungwählerinnen bei den Landtagswahlen wurde vom Landesfrauenrat als verheerend gering eingeschätzt. Beim Aktionstag, zu dem der LFR und seine Kooperationspartnerinnen (Landeszentrale für politische Bildung, Lag der kommunalen Frauenbeauftragten, Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten, Deutscher Gewerkschaftsbund) in den Stuttgarter Landtag eingeladen hatten, sorgten 1000 junge Frauen für Aufbruchstimmung.

Schwäbisches Tagblatt 09.03.1996 (Auszug)
Für einen Tag hatten Frauen die absolute MehrheitJungwählerinnen machen im Landtag Kontrastprogramm
Stuttgart (lsw). (…) An diesem Tag sollten Frauen spüren, wie es ist, die Mehrheit und die Macht zu haben. Normalerweise bilden 16 Frauen bei 130 männlichen Abgeordneten nur eine kleine Minderheit im hohen Haus. So wenig Weiblichkeit gibt es in keinem anderen Landesparlament. Doch am Freitag konnten die mehr als 100 Jung- und Erstwählerinnen, die auf Einladung des Frauenrats die Abgeordnetenplätze besetzten, gleich zwei Ministerpräsidentinnen aus ihren Reihen wählen. Denn: Auch dieses Amt ist teilbar. (…)“

Aufmerksam und unterstützend begleitete der LFR Baden-Württemberg nach der Wende die Entwicklung des Sächsischen Frauenforums, mehrere Begegnungen mit den Initiatorinnen und Verantwortlichen des Sächsischen Frauenforums fanden vor allem zwischen 1991 und 1992 statt – nicht ohne Kommunikationsprobleme. Dörr und Siebert lassen in ihrem Buch dazu die damalige Vorsitzende Gudrun Hummel über den ersten Besuch von Vertreterinnen des LFR in zu Wort kommen:
„Wir haben unsere Satzung mitgebracht und sagten, man könne es so oder aber auch anders machen. Die Riesenenttäuschung war, daß wir die Situation der Frauen total falsch eingeschätzt hatten. Ich meinerseits dachte ‚Da sind jetzt Frauen aus Deinem Verband‘, das war aber überhaupt nicht so (…) Da saßen jetzt PDS-nahe Gruppen und autonome Gruppen. Das war eine heikle Angelegenheit, aber sehr interessant“ (Seite 137).
Im Rückblick erscheint es, als boten die Jahre der Wende neue Chancen, auch innerhalb der Frauenverbände umstrittene Frauenanliegen in den alten Bundesländern offener zu thematisieren, etwa die lange stark ideologisch und weltanschaulich behaftete Frage der außerhäuslichen Betreuung von Kleinkindern oder der Ganztagsschulen.

Die Themen Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familienverantwortung sowie die berufliche Förderung von Frauen bildeten auch in den 90-er Jahren große Schwerpunkte, die im Zeichen der Wirtschaftskriese offensiv angegangen wurden.
1994 richtete der LFR einen Fachausschuss „Berufliche Gleichstellung von Frauen – Sicherstellung der Arbeitsplätze“ ein, der in seinem umfangreichen Ergebnispapier in den ersten Sätzen klarstellte:
„Warum es wichtig ist, gerade in Zeiten anhaltender Arbeitslosigkeit für die Sicherung der beruflichen Gleichstellung von Frauen einzutreten:
1.       Alle Menschen haben ein Recht auf Arbeit zur Sicherung der eigenen Existenz und Altersversorgung. (…)“
Beschlüsse auf Delegiertenversammlungen und Arbeitskreisen des LFR thematisierten die soziale Sicherung von Frauen im Alter (z.B. Stellungnahme 1996), gesundheitspolitische Themen (Stellungnahmen, z.B. zu Frau und Sucht – 1993, Gesundheitsreform 1997), Wohnen und Wohnumfeld von Frauen (u.a. Stellungnahme 1992) und den Schutz von Frauen vor Gewalt. Einige Forderungen aus dem Positionspapier des LFR-Fachausschusses Gewalt gegen Frauen (1996), wie jene nach dem Wohnungsverweis des Täters bei häuslicher Gewalt, wurden vom Landesgesetzgeber umgesetzt, andere – wie die Forderung nach einer zuverlässigen landeseinheitlichen Finanzierungsregelung für die Frauenschutzhäuser – stehen als aktuell weiterhin auf der frauenpolitischen Agenda.

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Ab 2000: Gender- und weitere Perspektiven

In der Politik des Landes und vieler gesellschaftlicher Organisationen hält allmählich der Begriff des Gender Mainstreaming Einzug. Die Landesregierung Baden-Württemberg hat am 9. Juli 2002 beschlossen, das Prinzip des Gender Mainstreaming in der Landesverwaltung umzusetzen. Der LFR mahnt nicht nur in allen seinen Stellungnahmen die Umsetzung dieses Prinzips an, sondern erinnert auch an die Intention des Gender Mainstreaming als aktives Gestaltungsprinzip für demokratische Geschlechterverhältnisse in Europa:

„Hierbei geht es darum, die Bemühungen um das Vorantreiben der Chancengleichheit nicht auf die Durchführung von Sondermaßnahmen für Frauen zu beschränken, sondern zur Verwirklichung der Gleichberechtigung ausdrücklich sämtliche allgemeinen politischen Konzepte und Maßnahmen einzuspannen, indem nämlich die etwaigen Auswirkungen auf die Situation der Frauen bzw. der Männer bereits in der Konzeptionsphase aktiv und erkennbar integriert werden („gender perspective“). (…) Förderung der Gleichstellung ist nämlich nicht einfach der Versuch, statistische Parität zu erreichen: Da es darum geht, eine dauerhafte Weiterentwicklung der Elternrollen, der Familienstrukturen, der institutionellen Praxis, der Formen der Arbeitsorganisation und der Zeiteinteilung usw. zu fördern, betrifft die Chancengleichheit nicht allein die Frauen, die Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ihre Selbständigkeit, sondern auch die Männer und die Gesellschaft insgesamt, für die sie ein Fortschrittsfaktor und ein Unterpfand für Demokratie und Pluralismus sein kann.“ (Auszug aus der Kommissionsmitteilung zur „Einbindung der Chancengleichheit in sämtliche politische Konzepte und Maßnahmen der Gemeinschaft“ (COM (96)67 end.)

Der LFR bemüht sich um Klarstellung i.S. der Definition der EU. Dies erweist sich fortgesetzt als nötig, denn unter dem Stichwort „Gender“ werden in etlichen gesellschaftlichen Organisationen Frauenförderung und Frauenpolitik für überholt erklärt und Strukturen und Personalstellen abgebaut.

Im Wortsinne vitale Themen wie Frauengesundheit, die Zukunft der Pflege sowie eigenständige soziale Sicherung der Frauen kennzeichnen die beginnenden 2000-er Jahre. Mit der vom LFR im November 2000 initiierten Qualitätsoffensive Brustkrebs ergeht flächendeckend in hunderten Veranstaltungen und mit Zehntausenden von Unterschriften der Ruf der Frauen nach einer qualitätsgesicherten Brustkrebsvorsorge nach europäischen Standards. 2006 wurde in Baden-Württemberg mit der Einführung begonnen.

Tagungen und Beschlüsse des LFR thematisieren die Gesundheitsreform, die Situation der Frauen auf dem Arbeitsmarkt und die Bildungsreform. Bei seinen bildungspolitischen Forderungen geht es dem LFR vor allem um qualitative Reformen: Das Kinderrecht auf Bildung von Anfang an, auf moderne kindgerechte pädagogische Konzeptionen für alle Kinder und Jugendliche, Ganztagseinrichtungen und Schulen, Chancengleichheit für Mädchen und Jungen, für alle Kinder, unabhängig vom ethnischen und sozialem Hintergrund ihrer Herkunftsfamilien. Der Aspekt der notwendigen Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familienverantwortung für Eltern ist darin integriert, ebenso der des Nutzens für die Entwicklung der Volkswirtschaft: Investitionen in Köpfe sind langfristig die wirksamsten Zukunftsinvestitionen.

Baden-Württemberg ist ein Einwanderungsland, das Flächenland mit dem höchsten Anteil an Bevölkerung mit einem Migrationshintergrund. Bereits 2000 formulierte der LFR Eckpunkte einer frauengerechten Migrationspolitik

Selbstverständlich ist für den LFR seitdem, dass die Situation der Frauen mit Migrationshintergrund in alle Stellungnahmen und Forderungen, sei es zu Gesundheit, Bildung, Arbeit/Beruf gezielt einbezogen wird. Wo Frauen ausländischer Herkunft des besonderen Schutzes und der Frauensolidarität bedürfen, reagiert der LFR: Seit 2005 arbeitet er in Netzwerken und Bündnissen gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel mit und engagiert sich für die Opfer von Zwangsverheiratung.

Um die Situation der Frauen in Ausbildung und Beruf nachhaltig zu verbessern, wirbt der LFR für eine Berufsorientierung von Mädchen in zukunftsträchtige IT-Berufe– Girls go for IT; Hunderte von Schülerinnen besuchen zwischen 2000 und 2002 die Tagungen des LFR und beteiligen sich am Wettbewerb Girls-for-it;  der LFR leistet seinen Beitrag auch durch Übernahme der Koordination der ersten landesweiten Girls‘ Days in Baden-Württemberg von 2002 – im 50-er-Jubiläumsjahr des Landes – bis 2005. Das landesweite Bündnis für mehr Frauen in MINT-Berufen (gegründet 2011) wird vom LFR aktiv mitgetragen. Unter dem Stichwort „Fachkräftemangel‘ verweist der LFR auch auf den zunehmenden Fachkräftemangel im Sozial- und Pflegebereich.

Strukturell abgesichert werden muss berufliche Chancengleichheit durch gesetzliche Maßnahmen, daher fordert der LFR ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft (seit 2001), Quoten für Aufsichtsräte, einen gesetzlichen Mindestlohn und eine Höherbewertung von Berufen im Sozialbereich.

Der Blick in europäische Nachbarländer erweist sich bei vielen dieser Themen als befruchtend und bestärkend: Es ist möglich, funktionierende Gesetze und eine Infrastruktur zu schaffen für eine partnerschaftlich(er)e Gesellschaft.

„Nachhaltigkeit“ und „Zukunftsthemen“ werden heute in einem Atemzug genannt – auch beim Landesfrauenrat. Die Wirtschaftskrise ruft die qualitativen Fragen auf: Hierzu gehören auch Fragen nach den Produkten und Dienstleistungen der Zukunft. Diese müssen am tatsächlichen Bedarf der Menschen orientiert sein, zugleich dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen in unserem Land und weltweit verpflichtet sein sowie Fairness und soziale Gerechtigkeit – auch für die Frauen in anderen Ländern – gewährleisten. Bei der ökologischen und sozialen Modernisierung des Landes wollen Frauen gleichberechtigt mitreden und mitentscheiden, in Wirtschaftsunternehmen, bei der Entscheidung über Investitionen des Landes und der Kommunen. Dafür müssen sie überall vertreten sein. Und dafür brauchen sie Quoten als Instrument für eine angemessene politische Beteiligung. Dafür müssen der Verwendung öffentlicher Mittel Gender Budgeting Kriterien zugrunde gelegt werden.

Wir wünschen uns, dass noch in dieser Legislaturperiode des Landtags manche ältere, unvermindert aktuelle Forderung der Frauenverbände endlich umgesetzt wird. Die Frauenpolitik der Landesregierung hat vor allem die Aufgabe, Chancengleichheitspolitik unabhängig von politischen Mehrheiten in Kommunen und im Land für alle Frauen zu gewährleisten, Errungenes abzusichern, gleichstellungs-politische Mindeststandards für alle Frauen festzuschreiben, Partizipationschancen zu vergrößern, Rechte einklagbar zu machen; dem dienen gesetzliche Gleichstellungsregelungen und institutionell abgesicherte Strukturen, Personalstellen, Berichtspflichten, Haushaltstitel, verbindliche Quotierungsregelungen in Wahlgesetzen, wie dem Kommunalwahlrecht. Für diese überfälligen Vorhaben reicht Halbe Kraft nicht!

Es bleibt auch für die kommenden Jahrzehnte genug zu tun. Der Landesfrauenrat, seine Mitgliedsverbände und die vielen engagierten und interessierten Frauen im Land möchten sich mit ganzer Kraft den Zukunftsaufgaben zuwenden können.

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“Wer sich engagiert – verändert!” – Buch zur Geschichte der ersten 25 Jahre des Landesfrauenrats …

Bea Dörr und Ulla SiebVorfrauen-1994ert: Wer sich engagiert, verändert! Die Geschichte des Landesfrauenrats Baden-Württemberg. Herausgegeben vom Landesfrauenrat Baden-Württemberg 1996. Medien Verlag Köhler, Tübingen 1997. ISBN-3-9805295-4-1

Das Buch dokumentiert anschaulich und eindrucksvoll die Gründungsgeschichte und  die Entwicklung der Organisationsstruktur sowie die inhaltlichen Debatten bis 1996.

 

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Vorsitzende des Landesfrauenrats Baden-Württemberg seit 1969

1969 – 1970
1. Vorsitzende: Renate Bran   2. Vorsitzende: Hilde Renner
1970 – 1971
1. Vorsitzende: Beate Nestle   2. Vorsitzende: Hilde Renner
1971 – 1973
1. Vorsitzende: Beate Nestle   2. Vorsitzende: Lotte Banzhaf
1973 – 1975
1. Vorsitzende: Margarete Klett    2. Vorsitzende: Lotte Banzhaf
1975 – 1977
1. Vorsitzende: Margarete Klett    2. Vorsitzende: Hanne Schiefer
1977 – 1979
1. Vorsitzende: Ursula Schubert    2. Vorsitzende: Beate Nestle
1979 – 1981
1. Vorsitzende: Ursula Schubert    2. Vorsitzende: Gudrun Hummel
1981 – 1983
1. Vorsitzende: Dr. Heide Rotermund    2. Vorsitzende: Gisela Ewald
1984 – 1987
1. Vorsitzende: Dr. Heide Rotermund    2. Vorsitzende: Gudrun Hummel
1988 – 1990
1. Vorsitzende: Gudrun Hummel    2. Vorsitzende: Marianne Gerhardt
1991 – 1993
1. Vorsitzende: Ursula Jaeger    2. Vorsitzende: Marianne Gerhardt
1. Vorsitzende (kommissarisch): Marianne Gerhardt (1991 – 1992)
1. Vorsitzende: Karin Meyer-Götz    2. Vorsitzende: Marianne Gerhardt (1992 – 1993)
1994 – 1996
1. Vorsitzende: Anne Marie Engelhardt    2. Vorsitzende: Luitgard Schmitt
1997 – 1999
1. Vorsitzende: Anne Marie Engelhardt    2. Vorsitzende: Luitgard Schmitt
2000 – 2002
1. Vorsitzende: Marion v. Wartenberg      2. Vorsitzende: Dr. Edit Kirsch-Auwärter
2. Vorsitzende: Claudia Altschwager-Hauser
2003 – 2005
1. Vorsitzende: Marion v. Wartenberg      2. Vorsitzende: Claudia Altschwager-Hauser
2006 – 2008
1. Vorsitzende: Ilse Artzt    2. Vorsitzende: Dr. Dagmar Höppel
2009 – 2011
1. Vorsitzende: Angelika Klingel    2. Vorsitzende: Elke Erlecke (Jan. 2009 – März 2011)
2. Vorsitzende Waltraud Widmann (April 2011 – Dez. 2011)
2012 – 2014
1. Vorsitzende: Angelika Klingel    2. Vorsitzende: Marie-Luise Linckh
ab 2015
1. Vorsitzende: Manuela Rukavina    2. Vorsitzende: Marie-Luise Linckh

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