2014: Geschlechter- und Frauenpolitik in die Neuausrichtung der „SeniorInnen“-Politik des Landes

RESOLUTION: Geschlechter- und Frauenpolitik in die Neuausrichtung der „SeniorInnen“-Politik des Landes

Einstimmig beschlossen von der Delegiertenversammlung des Landesfrauenrats am 16.05.2014

Der Landesfrauenrat Baden-Württemberg begrüßt grundsätzlich die Neuausrichtung der SeniorInnenpolitik des Landes mit dem verstärkten Blick auf das Wissen, die Fähigkeiten, den Bedarf und die Bedürfnisse von älteren und alten Menschen.

Da Altern immer auch ein geschlechtsbezogen differenzierter Vorgang ist, muss in der „SeniorInnen“-Politik das Geschlecht der älter werdenden Menschen angemessen einbezogen werden. Daher fordert der Landesfrauenrat die Landesregierung und den Landtag Baden-Württemberg sowie Träger der Altenhilfe und weitere Organisationen im Bereich der SeniorInnenpolitik sowie der geriatrischen Forschung auf:

– Die Strategie des Gender Mainstreaming in Analyse, Maßnahmenentwicklung, bei Beteiligungsprozessen und in der Mittelvergabe, z.B. für Projekte umzusetzen.
– Frauen als aktive Gestalterinnen ihrer Alternsbilder, ihrer Lebensformen und ihrer politischen Repräsentanz in den Beteiligungsprozessen vor Ort und landesweit aktiv einzubeziehen.
– Der Diversifizierung der Lebenslagen älterer Frauen Rechnung zu tragen und Mehrfachdiskriminierungen bei älteren und alten Frauen verstärkt entgegen zu wirken.
– In Forschung und Lehre eine gendersensible Gerontologie und Geriatrie zu verankern und personell und finanziell entsprechend auszustatten.

Als Frauenverbände treten wir unmittelbar ein:
– Für das Sichtbarsein und das sichtbar Werden von älteren und alten Frauen.
– Für das Recht über unsere Zukunft als alternde Frauen, unsere Bilder des Alterns und unsere Lebensumstände selbst zu bestimmen und über die politisch zu setzenden Rahmenbedingungen mit zu entscheiden.
– Für die Selbstorganisation alternder und alter Frauen.

Wir verweisen auf wesentliche Fakten und Befunde der Alternsforschung:
Auch in Baden-Württemberg zeigt die demografische Entwicklung eine „Feminisierung des Alters“: rund ein Fünftel der Bevölkerung des Landes ist 65 Jahre und älter .
Der 6. Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland mit dem Schwerpunkt „Altersbilder in der Gesellschaft“ (2010) stellt u.a. fest:
„Durch ihren engen Bezug zur Körperlichkeit haben Altersbilder immer auch eine geschlechts-spezifische Dimension. (…) Auch das höhere Lebensalter wird durch die Konstruktion von „Gender“ als dem sozialen Geschlecht geprägt. Aus diesem Grund ist es wichtig, Altersbilder von Männern und von Frauen zu erfragen. …“
Im Kontext des Alter(n)s können sich aus den Unterschieden in der geschlechtsspezifischen Fremdbildkonstruktion Ungleichheiten ergeben.
Im politischen Diskurs, in Fachverbänden, in der Wissenschaft und in der Lehre in Baden-Württemberg wird diesen Gesichtspunkten und ihren Folgen zu wenig Aufmerksamkeit zuteil. Im Extremfall sind ältere und alte Frauen unsichtbar.
Die Lebenswelten von Frauen und Männer unterscheiden sich mit zunehmendem Alter.
Durch tradierte Geschlechterrollen geprägte Lebensentscheidungen (wie Wahl eines älteren Partners, berufliches Zurückstecken zugunsten der Familie) und strukturelle Diskriminierungen, etwa auf dem Arbeitsmarkt, führen in Verbindung mit einer durchschnittlich höheren Lebenserwartung der Frauen zu spezifischen Lebenslagen. Hinzu kommen deutlich geschlechtsspezifisch differenzierte Selbst- und Fremdbilder des Alterns mit Auswirkungen auf das persönliche Befinden und etwa das Gesundheitsverhalten.
Altersarmut ist vornehmlich ein Problem von Frauen, die mit Teilzeitarbeit und in schlecht bezahlten Frauenbranchen zu geringe Rentenansprüche erworben haben. Die mit materieller Armut verbundenen Einschränkungen gesellschaftlicher Teilhabe betreffen Frauen weitaus häufiger als Männer. Wirtschaftliche Ressourcen bestimmen auch den Zugang zum Gesundheitssystem; ungenügende wirtschaftliche Ressourcen können dazu beitragen, dass Alternsprozesse früh- und vorzeitig zu Abhängigkeit führen.
Frauen im Alter wohnen eher und oft unfreiwillig allein. Im höheren Alter und bei Pflegebedürftigkeit wohnen Frauen eher in Heimen. (2009 – 3,2 % der Seniorinnen gegenüber 1,5 % der Senioren über 60 Jahren.) Sie sind in größerem Maße auf professionelle Hilfe bei Pflegebedürftigkeit angewiesen als Männer.
Generationenbeziehungen im Alter sind in der Tendenz stärker Mütter-Tochter/Sohn-Beziehungen.
Engagement im Umfeld der Familie und Nachbarschaft und innerfamiliäre Sorgearbeit wird eher von Frauen erwartet und geleistet als von Männern. Mehr Frauen als Männer im noch erwerbsfähigen Alter sehen sich vor der Aufgabe der Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und privater Sorgetätigkeit. Das heißt, die familiäre, ehren- und hauptamtliche Pflege mit den bekannten oft prekären Arbeitsbedingungen ist weitestgehend ein Frauenthema.
Ab der Altersgruppe 60 Jahre gibt es mehr weibliche als männliche Wahlberechtigte. Unter den weiblichen Wahlberechtigten stellen Wählerinnen über 60 J rd. 37 %.

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