2010: Stellungnahme des LFR zum Generalwege-Verkehrsplan Baden-Württemberg

Im Rahmen der Anhörung des Verkehrsministeriums Baden-Württemberg nahm der LFR mit Schreiben vom 30. September 2010 zur Fortschreibung des Generalverkehrsplans Baden-Württembergwie folgt Stellung:

“Grundsätzlich begrüßt der Landesfrauenrat, dass die Landesregierung sich bei der Fortschreibung dem Leitmotiv einer nachhaltigen Verkehrsentwicklung unter Berücksichtigung gesellschaftlicher, ökologischer und ökonomischer Belange verpflichtet sieht.
Als Dachverband der Frauenverbände des Landes verbinden wir die Fragen nach den Mobilitätsbedürfnissen, die aus den Lebensverhältnissen von Frauen herrühren mit den Anforderungen an eine nachhaltige, ressourcenschonende Mobilitätspolitik.
Die Mobilitätsbedürfnisse von Frauen und Männern unterscheiden sich so signifikant, dass Verkehrs- und Mobilitätsplanung auf diese gender-spezifischen Bedürfnisse reagieren sollte – umso mehr, als auf diese am besten mit einem Ausbau ressourcenschonender Mobilitätsangebote reagiert werden kann.
Bereits im Jahr 2001 wurde, um die Mobilitätsbedürfnisse von Frauen in der Region Stuttgart im Regionalverkehrsplan zu berücksichtigen, eine Studie erarbeitet. Auch die Frage nach spezifischen Mobilitätsbedürfnissen von Frauen in eher ländlich strukturierten Räumen beschäftigt die Raum- und Verkehrsplanung aus wissenschaftlicher Sicht bereits seit den 90-er Jahren.
Besondere Erfordernisse ergeben sich für Frauen aus folgenden – vorherrschenden – Lebensverhältnissen:

Für Frauen in jüngeren Jahren bzw. Frauen mit Familienverantwortung:
Frauen übernehmen den Großteil der in der Familie geleisteten Reproduktions- und Pflegearbeiten; Tätigkeiten in diesem Rahmen, für die sie Wege zurücklegen müssen sind insbesondere:
- Einkaufen für den täglichen Bedarf,
- Begleitung von kleinen Kindern in Kinderbetreuungseinrichtungen, zu Ärzten,
- bis zu einem gewissen Alter, mehr oder minder umfänglich, Begleitung auch von Schulkindern zu Schulen und zu Freizeitangeboten wie Sportvereinen, Musikschulen,
- Begleitung von hilfebedürftigen Älteren zu Ärzten.
Frauen sind, um diese Aufgaben wahrnehmen zu können, häufig in Teilzeit tätig, das beinhaltet:
- sie suchen zur Vereinbarkeit möglichst kurze Wegezeiten (sie lösen dieses Problem -notgedrungen oft mit einem PKW bes. in ländlichen Räumen mit schwächer/geschwächter öffentlicher Verkehrsinfrastruktur – SOFERN das Familienbudget dies zulässt)
- ihre finanziellen Möglichkeiten sind sehr beschränkt (einen eigenen PKW können sie sich z.B. oft nicht leisten; in ländlichen Gebieten mit geringer ÖPNV-Struktur kann diese zu dem tatsächlichen Ausschluss von Erwerbsarbeitsmöglichkeiten und Bildungs- und kulturellen Teilhabemöglichkeiten führen.)

Ältere Frauen
stellen das Gros der Älteren. Um ihren Bedürfnissen nach möglichst langer selbständiger Lebensführung zu entsprechen, benötigen sie vor allem eine gute öffentliche Verkehrsinfrastruktur, um Einkäufe zu erledigen, Freizeitangebote wahrzunehmen, Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch zu nehmen etc.. Die Verkehrsmittel selbst müssen barrierefrei zugänglich sein und Sicherheitsaspekte angemessen berücksichtigen (Sturzgefahr in Bussen z.B., Sicherheit vor Übergriffen). Fahrkartenautomaten müssen verständlich und ebenfalls barrierefrei (Schriftgröße) sein. Wir gehen davon aus, dass mit der demografischen Entwicklung diese Aspekte an Bedeutung gewinnen und entsprechend zunehmend in die Planungen einzubeziehen sind.
Sicherheitsaspekte sind für alle Altersgruppen relevant – bei der Gestaltung von Haltestellen, Bahnhöfen, Radwegen und in den Verkehrsmitteln selbst (Stichwort: Vermeidung von „Angsträumen“, Kriminalprävention).
Aus dem Dargelegten ergibt sich ein Bedarf vor allem an einem gut ausgebauten flächendeckenden Netz des ÖPNV
- mit diesen Bedarfen angemessenen Taktzeiten (einschließlich praktikablen Umsteigezeiten)
- zu für jede Familie erschwinglichen Preisen
- mit barrierefreien Zugängen zu den Verkehrsmitteln des ÖPNV
- Verkehrswegeplanungen und – zeiten, die für eine „Mischnutzung“ geeignet sind (Weg zur Kita mit Weg zur Arbeit verbinden etc.)

Besonderen Handlungsbedarf sehen wir in den ländlichen Räumen unseres Landes. Hier erweist sich eine fehlende oder nicht bedarfsgerechte Infrastruktur mit öffentlichen Verkehrsmitteln teilweise als Hindernis für die Erwerbstätigkeit grade von jungen Frauen mit Familienaufgaben sowie für die selbständige Lebensführung Älterer.
Der öffentliche Personenverkehr ist damit aus Sicht der Frauenverbände ein zentrales Element einer nachhaltigen, umweltfreundlichen und ressourcenschonenden Mobilität.
Für die ländlichen Räume sollte die Mehrfachnutzung von öffentlichen Mobilitätsangeboten ermöglicht werden indem verschiedene Bedarfe verknüpft werden. Die Entwicklung des ÖPNV stärker am Bedarf von Frauen und Familien zu orientieren und nicht hauptsächlich nur vom Schülerverkehr her zu definieren, würde neue Problemlösungen eröffnen. Zielführend insbesondere in kleineren Gemeinden und für spezifische Bedarfe z.B. Älterer sind auch individuell zugeschnittene erschwingliche Lösungen für Individualbedarfe, „Flexible Bedienkonzepte“ (Ruftaxis, Mitfahrzentralen etc.).
Eine attraktivere und Nutzer/innenfreundliche Gestaltung von Bahnhöfen und Haltepunkten begrüßen wir unbedingt; in diesen öffentlichen Räumen, in denen jeweils eine städtebauliche Qualitätsverbesserung angestrebt werden sollte, müssen Sicherheit, Barrierefreiheit bzw. altersgerechte Ausstattung sowie Aufenthaltsqualität ebenso Berücksichtigung finden wie die verkehrstechnischen Funktionserfordernisse.

Ökologisch sinnvoll sind im Interesse der Verkehrsvermeidung
- Kurze – möglichst fußläufige – Wege (zu berücksichtigen bei der Infrastrukturplanung vor Ort); wir begrüßen das Projekt „Fußgänger- und seniorenfreundliche Kommune“.
- Vorrang der Gemeinschaftlichen Nutzung von Verkehrsmitteln vor dem Individualverkehr ( statt Streckenstillegungen, Ausbau oder Reaktivierung des vorhandenen Schienen-/Streckennetzes, insbesondere für den Regionalverkehr)
- Fahrräder vor PKW’s (Radwegeausbau, Parkmöglichkeiten für Räder, Entwicklung von guten Transporträdern etc.)

Wir begrüßen ausdrücklich Modellprojekte „Gemeinsamer Verkehrsraum“ als innovativen Ansatz, aus dem neue Erkenntnisse für eine zukunftsfähige und an der Entwicklung des Gemeinwesens interessierte kommunale Mobilitätspolitik gewonnen werden können. Wir erwarten, dass die gewonnenen Erkenntnisse in künftige Planungen einfließen.

Wirtschaftsverkehr
Ökologisch sinnvoll ist auch hier vor allem die Verkehrsvermeidung. Dies ist u. a. möglich durch die erzeugernahe Vermarktung, besonders von Lebensmitteln. Mit Blick auf die erwartete drastische Zunahme des Güterverkehrs in den nächsten Jahren sind Wirtschaft und Politik gefordert, der Zunahme des Straßengüterverkehrs, d.h. auch der zunehmenden Auslagerung der Lagerhaltung von Wirtschaftsgütern auf die Straßen, entgegen zu wirken. Grundsätzlich begrüßen wir die Bemühungen, den Ferngüterverkehr auf Schienen und Wasserwege zu lenken und die erforderliche Infrastruktur zu schaffen.

Förderung umweltschonender Mobilitätstechnologien bei Verkehrsmitteln des ÖPNV und im PKW
Die Entwicklung der Elektromobilität und alternative Antriebstechniken gilt es konsequent auszubauen. Hierbei ist zu beachten, dass die hiefür benötigte Energie aus alternativer Energiegewinnung stammt.”

Artikel drucken