2009: Gesundheitsstrategie Baden-Württemberg

Stellungnahme des Landesfrauenrats Baden-Württemberg zur Konzeption „Gesundheitsstrategie Baden-Württemberg“ (Stand: 2.12.2008)

Der Landesfrauenrat begrüßt grundsätzlich , dass mit der „Gesundheitsstrategie Baden-Württemberg“ der Rahmen für eine gesundheitsfördernde Gesamtpolitik gesteckt wird, die die Förderung gesunder Lebenswelten in den Mittelpunkt ihres Public Health Konzeptes stellt und auf eine deutliche Stärkung von Prävention und Gesundheitsförderung zielt.
Die im Entwurf zur Gesundheitsstrategie definierten Ansätze
– Gesunde Umgebung schaffen;
– Frühes und ganzheitliches Ansetzen mit Prävention und Gesundheitsförderung;
– Frühe und nachhaltige Verankerung von Gesundheit im Alltag, Bildung als Schlüssel;
– Verringerung insbesondere aus Armutslagen bedingter gesundheitlicher Benachteiligung;
– Lebensweltorientierung;
– Zielgruppenspezifische Angebote, insbesondere auch für Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen aus bildungsfernen Milieus;
– Frühes Erkennen chronischer Erkrankungen und bessere Versorgung chronischer Erkrankungen, Versorgung aus einer Hand;
– Stärkung der PatientInnenrechte, Notwendigkeit sozialer Teilhabe und stärkere Einbindung der Selbsthilfegruppen
befürworten wir als grundlegende und notwendige Ansätze, um den Menschen auch in Zukunft gerecht zu werden.

Wir fordern jedoch endlich den geschlechterdifferenzierenden Ansatz. Die Formulierungen „zielgrupppenspezifische Herangehensweisen“ und „Settings“ beschreiben diesen nicht in der gebotenen Präzision. In dieser Hinsicht fällt die Gesundheitsstrategie hinter bereits erreichte Erkenntnisse zurück. Als frauenpolitische Lobby setzt der Landesfrauenrat seit langem einen seiner Arbeitsschwerpunkte im Bereich Frauengesundheit. Mit seinen gesundheitspolitischen Fachtagen informiert der LFR über besondere Anliegen von Frauen innerhalb des Gesundheits-systems, sucht Öffentlichkeit und politische Unterstützung für seine Forderungen nach einer geschlechtersensiblen Gesundheitsversorgung und trägt zur Vernetzung der AkteurInnen aus dem Gesundheitswesen, aus Frauenverbänden und Selbsthilfegruppen bei.
Dazu weisen wir im Besonderen auf unsere Forderung aus dem Jahre 2004 hin, ausgehend von den Handlungsempfehlungen des im Oktober 2000 vorgelegten Frauengesundheitsberichts Baden-Württemberg ein „Gesamtkonzept Frauengesundheit“ zu erarbeiten. Darin sollten Standards für eine frauenspezifische Gesundheitsversorgung festgeschrieben und Instrumente zu deren Implementierung in der Gesundheitspolitik des Landes zu entwickelt werden.

Nur eine gender-gerechte Gesundheitsstrategie wird zielführend sein und wirt-schaftlich angemessen agieren können.

Der Landesfrauenrat und seine Mitgliedsverbände haben wiederholt ihre Expertise zur Mädchen- und Frauengesundheit zur Verfügung gestellt. Wir gehen davon aus, dass diese grundlegenden Ergänzungen noch eingearbeitet werden. Frauen und Männer unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Krankheiten und gesundheitlichen Einschränkungen, nehmen den eigenen Körper in verschiedener Weise wahr und differieren hinsichtlich ihres Gesundheitsverhaltens, z.B. bezüglich der Vorsorge.
Besondere Gefährdungen resultieren für Frauen jedoch auch aus gesellschaftlichen Rollenzuweisungen und spezifischen Situationen in Arbeitswelt und Familie. Die Frauengesundheitsforschung fordert eine Blickweise, die Unterschiede in Gesundheit und Krankheit zwischen den Geschlechtern angemessen berücksichtigt.
Auch im Bereich Männergesundheit setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass eine geschlechtersensible Herangehensweise gerade im Bereich der Prävention unerlässlich ist.

Zu V. Gesundheitsförderung und Prävention
In seiner Stellungnahme zum Präventionspakt Baden-Württemberg (2008) hat der Landesfrauenrat zur Prävention folgende als wesentlich erachtete Ziele formuliert:
– Umsetzung der Erkenntnisse geschlechtsdifferenzierter Gesundheitsforschung;
– Unterstützung geschlechtsspezifischer Ansätze in der Prävention und der Gesundheitsförderung;
– die Förderung Ressourcen-orientierter Ansätze, die auf Kompetenzstärkung zielen;
– Einbeziehung der Praktikerinnen aus der Frauengesundheitsberatung und –therapie;
– Berücksichtigung spezifischer Gefährdungen und Ressourcen der Geschlechter;
– Schaffung gewaltfreier Lebenswelten für Frauen und Kinder.
Dabei wird davon ausgegangen, dass folgende spezifische Gefährdungen von Frauen bestehen:
– Rollenzuweisungen mit Auswirkungen auf das Körperbild, die sich z.B. im Essverhalten und im Medikamentengebrauch/Missbrauch ausdrücken;
– teilweise fehlende Kenntnisse biologisch bedingter Unterschiede zwischen Frauen- und Männerkörpern (Stichwort: „Frauenherzen schlagen anders.“)
– Mehrfachbelastungssituationen der Frauen in Familie und Arbeitswelt;
– Gesellschaftlich sich durchsetzende Anforderungen, die zunehmend zu einer Übermedikalisierung natürlicher Prozesse (z.B. Schwangerschaft, Geburt) führen;
– Bedrohung durch sexualisierte, körperliche und psychische Gewalt als Alltagserfahrung.

Andererseits können Präventionsangebote auf vorhandene Ressourcen der Frauen im Gesundheitsverhalten aufbauen, z.B. auf eine durchschnittlich bewusstere Nutzung von Vorsorgeangeboten und ein durchschnittlich größeres Gesundheitsbewusstsein, das sich z.B. im Interesse an gesunder Ernährung und an der Wahrnehmung von Gesundheitsbildungsangeboten äußert. Diese Ressourcen variieren jedoch, wie auch im Entwurf zur Gesundheitsstrategie festgestellt, mit dem Bildungshintergrund.
Der Bedarf an zielgenauen Präventions- und Gesundheitsförderungsstrukturen und Angeboten differiert in einzelnen Altersgruppen bzw. nach weiteren Zielgruppenmerkmalen.
Größeres Augenmerk als bisher ist in allen Altersgruppen auf die gesundheitliche Situation von Frauen mit Migrationshintergrund zu richten, sowohl was die gesundheitliche Aufklärung betrifft als auch die zielgruppenspezifische Wahrnehmung und Diagnose von gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei Frauen mit geringen oder keinen Deutschkenntnissen. Prävention gegen sexualisierte Gewalt muss auf allen Ebenen berücksichtigt werden: in der Kinder- und Jugendarbeit ebenso wie bei der Stadt- und Infrastrukturplanung.

Bei der Gruppe der Mädchen und jungen Frauen sollte die Förderung eines gesundheitsbewussten Alltagsverhaltens sowie die Wahrnehmung des eigenen Körpers und Stärkung des Selbstwertgefühls betont werden.
Gesundheitsbewusstes Alltagsverhalten und Stärkung der eigenen Körperwahrnehmung können und sollen bereits in frühkindliche Bildung und Betreuung sowie in allen Schulen integriert sein.
Zur Vermittlung von Alltagskompetenzen gehören Kenntnisse über Herkunft und Zubereitung von Nahrung. Zur Ernährung verweisen wir auf unsere Anregungen für zum „Aktionsplan 2018 – Ernährung für Kinder und Jugendliche“ (Februar 2008).

Erwachsene Frauen / Frauen in der Familienzeit sollten verstärkt auf die Wahrnehmung von medizinischen Vorsorgenageboten und ein gesundheitsbewusstes Alltagsverhalten hingewiesen werden. Dazu gehören für Mütter die Sicherung von qualitativ hochwertigen Präventionsangeboten wie Mütterkuren, Mutter-Kind-Kuren sowie eine Familien-entlastende Infrastruktur (Kinderbetreuungsangebote, Kinder- und Jugendzentren, Erholungs- und Freizeitangebote für Kinder u.a.m.). Umfassende Information über geschlechtsspezifische Behandlungsmethoden muss zielgruppenbezogen und mehrsprachig angeboten werden.

Frauen im mittleren Lebensalter und ältere Frauen
Mit zunehmender Dauer der Erwerbstätigkeit und einem wachsenden Anteil älter werdender Bevölkerung stehen aufgrund der bestehenden familiären Rollenteilung zunehmend Frauen im mittleren Alter vor der Aufgabe, ihre Erwerbsarbeit und Pflegetätigkeiten für älteren Angehörige zu vereinbaren. Hieraus erwachsen besondere Belastungssituationen, denen durch Entlastungsstrukturen (Tagespflege, Kurzzeitpflege und dergl., eine Infrastruktur, die die Ressourcen der Pflegebedürftigen stärkt), durch gesundheitsfördernde Angebote (Kuren, altersgerechte Angebote) für die Pflegenden begegnet werden muss.
An dem Ziel: weitest möglicher Erhalt der Fähigkeit zu einer selbständigen Lebensführung – sind Public Health-Konzepte, die Infrastrukturplanung beinhalten, zu orientieren.

Frauen in Gesundheitsberufen
Ein weitaus größerer Fokus als bisher gebührt den Frauen, die im Gesundheitssystem beruflich tätig sind. Die gesundheitliche Situation der Beschäftigten selbst ist nicht zufrieden stellend. Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist im Interesse des Gesundheitsschutzes dieser Beschäftigten und im Interesse einer Qualitätssicherung der erbrachten Gesundheitsleistungen unerlässlich.

Suchtprävention
Hier ist besonders Augenmerk auf den Medikamentenmissbrauch zu legen.
Kritisch beobachtet werden muss in diesem Zusammenhang die Verabreichung von Psychoparmaka an unruhige Kinder und an pflegebedürftige Ältere.
Bei Frauen im mittleren und höheren Lebensalter ist ein bewussterer Umgang mit nicht zwingend erforderlichen Medikamenten (z.B. Hormonpräparaten) anzustreben.

Gesundheit muss sich jede und jeder leisten können
Eine Gesundheitsstrategie muss mit dafür sorgen, dass Menschen mit geringen Einkommen – dazu gehören mehr Frauen als Männer – keine finanziellen Benachteiligungen und keine Nachteile bei Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge erleiden. Dafür hat die Landespolitik ggf. über den Bundesrat die Rahmenbedingungen zu schaffen.

Gleiche Chancen auf Gesundheitsförderung und -versorgung in Stadt und Land
Gesundheitsförderstrukturen und –angebote, Gesundheitsversorgungsstrukturen und Unterstützung bei Pflegebedürftigkeit sind Infrastrukturmaßnahmen, auf die die Bevölkerung nicht überall gleichermaßen zurückgreifen kann. Die Attraktivität städtischer Gebiete insbesondere für ältere Menschen erklärt sich vor allem aus einer besseren Infrastruktur, sowohl was die Mobiltätsmöglichkeiten betrifft (ÖPNV) als auch die Gesundheitsversorgungsstruktur.
Wir schlagen daher vor, dass ein besonderes Augenmerk auf die Gesundheits-strukturentwicklung in ländlichen Regionen gelegt wird.
Projekte könnten exemplarisch zeigen, wie ein Public Health Ansatz unter Einbeziehung lokaler AkteurInnen und der jeweiligen Zielgruppen erfolgreich umgesetzt werden kann.

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